Diagnose: Müde!

Meine Arbeit für Reconquista Internet ist anstrengend. Nötig, natürlich! Aber anstrengend.

Will ich die Kommentarspalten doch nicht den organisierten Nazen überlassen, auf dass es bald so aussähe, als sei solch hasszerfressenes Gebrabbel in irgendeiner Weise vertretbar oder würde gar den Geist der Gesellschaft abzeichnen. Also schaue ich immer mal, was es so Neues gibt; wo wieder irgendein Trottel gegen Frauen* und Geflüchtete hetzt und dann gebe ich anständig Senf dazu. Alles für die still mitlesende Mehrheit, für das Protokoll der Geschichte. Hashtag nie wieder.

Meine Arbeit für Reconquista Internet hat mich mit sehr vielen, sehr anständigen Menschen zusammengebracht. Solche, die mit mir zusammen kommentieren, sich mit mir aufregen über diesen untragbaren Zustand, diesen ebenso nicht hinnehmen, mich aufbauen. Sie sind da und zeigen mir täglich, wie viele wir sind, dass es sehr viele liebe Menschen gibt, die sich nicht verarschen lassen und die Entwicklung nicht erdulden. Hashtag wie sind mehr.
Auf mein Smartphone zu schauen und nach den Rechten zu gucken, ist Geißel und Flügel zugleich. Denn ich treffe all diese wunderbaren Menschen, weil sie auf furchtbare Menschen reagieren. Licht und Schatten, Anstand und Abgrund so dicht beieinander. Das eine nicht ohne das andere. Es ist anstrengend in alle Richtungen.

Ich bin so müde. Ich bin froh. Ich bin traurig. Und müde.
Ich weiß noch nicht, wo ich anfangen kann, Abstriche zu machen.
Das Internet, Sie wissen schon, diese Erweiterung unserer Welt, der Teil unserer Gesellschaft, wo Sodom und Gomorra herrscht. Regulierung? Fehlanzeige. Weil es für unsere Regierenden noch immer Neuland ist. Dabei sind wir mittendrin, - die großen Entscheidungen werden in diesem Teil der Realität mindestens geebnet, wenn nicht besiegelt. Wer nicht dabei ist, verpasst den Anschluss!

Und was aus Menschen wird, wenn sie sich unbeaufsichtigt fühlen, sehen wir hier ganz genau. Wie schnell sie jeglichen Anstand ablegen, wenn sie glauben, im realen Leben geltende Gesetze könnten sie hier nicht erreichen.
Dagegen müssen wir unsere Stimme erheben. Nicht weil es Spaß macht, sondern weil es das Richtige ist.
Und eine Auszeit davon zu nehmen und all diese lieben Menschen damit allein zu lassen, fühlt sich falsch an, auch wenn sie mir sagen »Mach ne Pause, wir übernehmen für dich.«

Ich muss den Spagat noch wagen, weniger Einfluss auf etwas nehmen zu wollen, das so viel Einfluss auf mich nimmt. Etwas das mich verschlingt, ob ich dabei bin oder nicht.
Meine Arbeit für Reconquista Internet lässt mich täglich den Glauben in die Menschheit verlieren. Und wiedergewinnen.
Die Nazen würden auch Scheiße im Internet labern, wenn ich nicht für Rec-Int arbeiten würde. Und als Mensch, die einmal eine Kommentarspalte unter einem Nachrichtenmagazin angesehen hat, ist mir das bewusst. So wie ich weiß, dass zum Beispiel Kinder in Indien nicht aufhören werden, zu hungern, nur weil ich sie ignoriere. Dass Kinder hungern und Nazen Scheiße labern, sind Fakten, die mir klar sind und mich stressen, egal ob ich mich ihnen zuwende oder nicht. Bei Geldsammlungen zu helfen oder Nazis zu widersprechen, sind dabei schlicht Methoden, mich demgegenüber nicht völlig machtlos zu fühlen. Das Gefühl, die Kontrolle nicht durchweg in die Hände derer zu legen, die hier auf ganzer Linie versagen.
Aber das kann ich eben nicht immer tun, bzw. nicht in der Form, in der ich es derzeit verfolge.

 

Denn seit heute Morgen liegt mir die Diagnose 'Erschöpfungssyndrom' vor. Das was sonst berufstätige Mütter  kriegen, das was mit meiner Lebensplanung ursprünglich ich vermeiden wollte. Um sich zuständig zu fühlen und die Welt nicht völlig den Bestien zu überlassen, muss frau offensichtlich nicht einmal eigene Kinder produzieren.

Wie bei einer berufstätigen Mutter muss da also ein Stundenplan her:  wann trete ich Nazen, wann lasse ich den PC aus, wann gehe ich einfach heim und mit Buch und Katze aufs Sofa? 

(Und wann schreibe ich meinen Roman, wann gehe ich meinem Vollzeitjob nach, wann kümmere ich mich um meine Mama, wann treffe ich meine Freund*innen, wann mache ich Sport, wann füttere, wasche und ziehe ich mich selbst an und wann muss ich Wartezeit im öffentlichen Nahverkehr einplanen und wie viele Stunden vom Tag habe ich eigentlich zu vergeben?)


Meine Arbeit für Reconquista Internet zwingt mich dazu, ein Stück erwachsener zu werden, den Teil mit der inneren Balance zu trainieren, in mich zu horchen. Das nimmt mir nuneinmal niemand ab, weder die Regierung noch ein Lieblingsmensch. Ich bin da frei - das ist anstrengend und das ist schön.

 

 

:) Falls jemand nicht weiß, worum es geht: https://www.bedeutungonline.de/reconquista-internet/