Das geschriebene Wort - eine Kurzgeschichte

In ihrer kleinen Wohnung erlaubte Amira sich, unvorsichtig zu sein, obwohl sie höchst brennbares Material ihr eigen nannte. Ihr e-book lag an den Strom angeschlossen auf dem Bett und würde den Aufsehern durchgeben, was sie gerade las. Etwas Triviales hatte sie ausgewählt. Zum Glück besaß sie ein älteres Gerät, denn die neuen teilten auch mit wann und ob man umblätterte. Sie drehte sodann das Smartphone um, sodass es mit dem Bildschirm auf der Tischplatte auflag - das tat sie möglichst gleichmütig und schritt dann in einen anderen Raum. Die antike hölzerne Kommode ihrer Großmutter stand neben dem gläsernen Nachttisch. Man könnte Amira fehlenden Geschmack vorwerfen Derbeiden im Zimmerstil zu kombinieren, aber sie hatte sich ihre Ausrede dafür zurechtgelegt: »Ich sein arm und Erbstücke gratis!«
Sie entnahm dem Geheimfach das Material und steckte es unter ihre Kleider. Da es dünn und leicht war, schmiegte es sich an, obgleich sie immer fürchtete, dass sie sich an den Kanten schnitt - das konnte nämlich saumäßig wehtun!

Aufruhe durchfuhr sie. Denn was sie da bei sich trug, war verdächtiger, als sein Smartphone auszuschalten. Amira ging zurück in den Flur zum Tisch und ihre zuckte Hand in Richtung Smartphone. Stopp! Konzentrier dich! Es war zu sehr drin, es stets am Leib zu tragen. Mehr als ein ungeschriebenes Gesetz - es wurde als liebevolle Empfehlung des Staates gehandelt. Immerhin war es unter anderem Ausweis, Kompass, Geldbörse, Zeitmesser, Stimmungsbarometer und schließlich auch Notfalltelefon in einem. Wenn du es dabei hattest, brauchtest du dich nie zu sorgen, da es der Polizei anzeigte, wo du dich aufhältst, ob du einen erhöhten Stresspegel, Hunger, Angstzeichen aufweist oder eventuell in Gefahr warst.


»Zu deiner Sicherheit - Smartphone! Denn dein Staat sorgt für dich«, prangte auf den Bildschirmen in den Straßen. Die Menschen liefen mit gesenkten Köpfen, wischten über ihre Geräte - e-books oder Smartphones - hielten im Gleichschritt an den Ampeln. Überwachungskameras glühten über ihnen, waren gleichzeitig Straßenlaternen. Jetzt im Feierabendverkehr der Nachtschicht ging Amiras rostbrauner Schopf in der Masse unter. Auch sie tat, als würde sie auf ihr Gerät gucken, aber es war eine Tafel Schokolade. Tollkühn hatte sie ihres tatsächlich zuhause gelassen.


Doch dann durchkreuzte ein Bedürfnis ihren Plan. Durst! Es würde auffallen, wenn sie jetzt mit Bargeld bezahlte, das tat man generell mit dem Smartphone. Ihr blieb jedoch nichts anderes übrig, denn zu Sahmis Wohnung war es noch weit.
»Warum haben Münzen für mich?«, fragte der Verkäufer misstrauisch.
»Hatte halt da. Was sollen sonst damit?«, entgegnete Amira. Diesen Satz hatte sie sich für solche Fälle zurechtgelegt. Möglichst unauffällig zückte sie die Tafel Schokolade, als würde sie eine SMS checken und so wirkte sie weitaus unverdächtiger.


Dann huschte sie in Richtung U-Bahn ... Stopp! Konzentrier dich!
Ohne Smartphone, auf dem ihre digitale Fahrkarte gespeichert war, kam sie ja nicht weit. Doch bis zu Sahmis Wohnung musste sie nur ein paar Blocks laufen. Ungewohnt folgten ihre Füße dem Weg. So lange Gänge war sie nur von den Einheiten auf Laufbändern gewöhnt, nicht aber Beton unter den dünnen Sohlen ihrer Schuhe zu spüren.
Sahmi wohnte perfekt: so zentral, dass es schon wieder unauffällig war. Hier trafen sie sich einmal die Woche.
Amira klingelte und hörte sodann Lexis Stimme: »Wer da?«
»Amira da!«, sagte sie möglichst laut, weil zwei Passanten vorbeikamen.
Die Tür sprang auf und sie schnellte in den Hausaufgang. Fahrstuhl oder Treppe? Im Treppenhaus gab es weniger moderne Überwachungskameras ... Sie steuerte darauf zu. Stopp! Konzentrier dich! Das wäre doch allzu auffällig. Also betrat sie den Lift und mit einer geübten Handbewegung tat sie, als würde sie gerade noch eine Sofortnachricht checken und sodann ihr Smartphone in der Tasche verschwinden lassen.
Sahmi öffnete ihr. »Sein spät!«, sagte er betont laut, falls Nachbarn mit dem Glas an der Wand standen.
»Sorry.«
Dann schlossen sie ruhig die Tür hinter sich und beide atmeten durch. Amira fiel ihrem Freund um den Hals und auch er erwiderte die herzliche Begrüßung.
»Wenn ich euch nicht hätte, würde mein Verstand gewisslich bald eingehen«, säuselte sie.
»Das wäre äußerst verdrießlich«, grinste er.


Sie kamen ins Wohnzimmer und Amira umarmte Lexy, Naomi, Carl und Lui auf ebenso innige Art.
»Hast du uns Erquickliches mitgebracht?«, fragte Carl schüchtern, nachdem sie sich alle im Kreis auf den Boden gesetzt hatten.
Amira nickte verschwörerisch und holte das Material unter ihrem Pullover hervor. Ihr Bauch hatte es erwärmt, doch im Gegensatz zu einem elektrischen Gerät, schadete es ihm nicht. Es handelte sich um die letzte Bastion, seine freien Gedanken festzuhalten: Papier.
Die Gruppe hielt den Atem an. Sie waren in einer Welt aufgewachsen, in der ein Monopolist festlegte, was für Bücher geschrieben und angeboten wurden. Es gab keine Autoren mehr, es gab bestenfalls Komitees, die ein paar Ideen sammelten, um dann Schlagwörter in Schreibprogramme einzupflegen. Genre, Handlungsbogen, Seitenzahl, Wortwahl wurden festgelegt, ja sogar, auf welcher Seite der Held zum ersten Mal einen Kuss bekam. Solche Texte lasen alle Menschen auf ihren Smartphones, e-books oder Zuhause auf dem Computer. Jeder Roman folgte demselben Muster, alle Ratgeber empfahlen letztlich das gleiche, jedwedes Kochbuch glänzte mit Appetitlosigkeit. Und es war nicht nötig, dass die Grammatikregeln von früher beachtet wurden. Vereinfacht konnte man sich genauso verständlich machen. Wozu ein umfangreicher Wortschatz? Dem Volk ging es gut, solange es unterhalten wurde - nicht, wenn es selbst denken musste.
Amira beugte sich über ihren Schatz. Die Blätter waren dicht mit Bleistift beschrieben, sie musste sich anstrengen, ihre eigenen Worte zu entziffern, denn das Papier war schon mehrfach genutzt worden und der Radiergummi von minderer Qualität. An Stifte, Radierer und vor allem Papier heranzukommen, gestaltete sich schwierig und kostspielig. Genau wie reisen. Doch ihre Sätze festzuhalten, kleine Geschichten zu schreiben, in denen es um früher ging, um eine Welt, von der ihr ihre Oma Nele noch erzählt hatte, war ihre Flucht, ihre Reise.

Sie las vor, von dieser Nele, die damals erkannt hatte, in welche Richtung die Monopolisten gehen wollten. Dass sie gemeinsam mit Staatsoberhäuptern einer alten Weisheit folgten: Meinungsvielfalt und Bildung konnten äußerst hinderlich für Machthaber sein.
Mit Nele hatten sich so einige zusammengetan und aufbegehrt. Aber es war zu spät. Ihre Generation hatte immerfort das gleiche Buch gelesen, verlernt nachzufragen, sich zu bilden. Bat schon lange nur noch um konventionelle Literatur.
Und je weniger Bildung desto mehr verlangten Menschen nach Beschäftigung, Konsum, Unterhaltung. Sie mochten Medien, die sie berieselten, wollten die gleiche Geschichte wieder und wieder hören, lesen, sehen. Und so kamen mehr e-books und noch mehr allwissende Smartphones. Dinge zu Ende zu denken wurde überflüssig, die Antworten lagen nur wenige Wische entfernt. Ein unterhaltenes Volk ist ein zufriedenes Volk.
Somit sahen so viele Menschen nicht, was Nele und ihre Freunde gesehen hatten. Die Gruppe machte dennoch weiter, gab die Hoffnung nicht auf. Wollte Vielfalt, Literatur, selbst denken. Sie hatten genug von den immergleichen Büchern, den Schreibprogrammen auf den Computern und Smartphones, die ihre Sätze automatisch umstellten und zum Wohle der Allgemeinheit »berichtigten«. E-Books und Smartphones unterhielten die Menschen, formten ihre Interessen, ihren Geist, ihre Meinung. Der Kreis um Nele wurde kleiner, doch sie hörte nicht auf, ihr Smartphone auszuschalten, ihre Ansichten laut zu sagen, die Missstände auszusprechen, Leute zu irritieren.
Dann kamen Aufseher zu Nele. Denn die Frau hatte eine Schwäche, ein Ding, was ihr wichtiger war, als ihre Meinungsfreiheit: ein Kind.
So fügte sie sich schlussendlich doch. Und als Amira viele Jahre später geboren wurde, war die Welt eine andere. Von klein auf aber wusste das Mädchen, dass es mehr geben musste, hinter den Texten, die ihr in der Schule gegeben wurden oder die es zu kaufen und auf e-books zu laden gab. Und dass ihre Oma Nele so anders redete, weil sie einer anderen Zeit entstammte. Amira mochte den Satzbau ihrer Oma, auch wenn diese nur so sprach, sobald sie allein zuhause waren. Die Enkelin kopierte sie.
Eines Tages zeigte Nele ihr die Kommode und wie man ihr Geheimfach öffnete. »Vermutlich wirst du es einmal brauchen. Für deine Schätze.«
Ihre Schätze waren Worte, Sätze, Geschichten. So vieles geisterte in ihrem Kopf umher, das sie aufschreiben wollte. Doch dafür reichte ihr Papier nicht.

Die Wangen der Zuhörer glühten, ob der wohlüberlegten Worte, ob der Thematik, der Amira sich angenommen hatte. Ihre Pulse rasten, ihre Herzen klopften, ihr Hirn rumorte heftig - wie jedes Mal wenn sie sich trafen, um zu denken, zu diskutieren, zu lernen.
Mitten in ihre Gedanken hinein schlug plötzlich jemand in die Tür. Grob, wuchtig, wütend. »Polizei! Sofort öffnen!«, kläffte es von draußen.
Sie zuckten zusammen, starrten einander betreten an.
»Scheiße, was ist los?«, flüsterte Lui.
Auf einmal surrte Naomis Hosentasche. Sie hatte vergessen, ihr Smartphone zuhause zu lassen! Es hatte ihren Zustand gemessen und die Aufseher verständigt.
Was nun folgte, hatte die Gruppe hundertmal geübt: Sahmi ging an die Tür, schindete Zeit. Lexy startete wie vorbereitet den Actionfilm, Amira lief auf dem Balkon, um schweren Herzens das Papier zu verbrennen, der Rest lümmelte sich aufs Sofa als sie nie etwas gewesen. Die Polizisten waren vollvermummt, als hätten sie es mit Terrorristen zu tun ... in dieser Welt hatten war es wohl auch so.
Sie durchsuchten alle Gäste, dann kam Amira vom Balkon wieder, hatte vorsichtshalber tatsächlich geraucht, während sie mit den Tränen kämpfend die Blätter vernichtet hatte. Die Polizisten filzten sie ebenso, fanden aber nichts. Nur ein paar verdächtig dünne Schrammen an ihrem bloßen Bauch.


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