Fräulein Feldhaus lernt sprechen

Ich habe in den letzten Wochen viel gelernt. Zum Beispiel festen Bodenkontakt herzustellen. Deswegen sicher zu stehen. Die Knie angewinkelt, immer angriffsbereit zu sein. Laut zu sprechen. Deutlich zu artikulieren. Zu verzweifeln, weil ich dachte, ich könne all das schon. Ich habe gelernt, in meine Nieren zu atmen. Weich zu sein, vor mich hin zu wabbern.
Frau E, mein Coach, schreit mich an, ich soll mich breiter machen, vor allem größer, noch stärker, herrlicher. Sie ist gewiss die Erste, die das von mir verlangt.
Ich bin etwa 1 Meter und 80 Zentimeter lang und ihr zu kurz – könne ja so viel mehr. „Mach dich nicht so klein, das hast du nicht nötig!“
Ich mache mich klein? Seitdem ich ein zweistelliges Alter erreicht habe, hat mich niemand mehr klein genannt.
„Lass den Bauch los!
Lass die Schultern locker.
Zieh dich nach oben.
Rücken gerade!
Spring!!“
Und wieder: „Mach dich breiter – nimm dir Raum.“
Sie bewirft mich mit Gegenständen, während wir Zungenbrecher und komplizierte Wörter aufsagen.
„Wie weit geht deine Zunge raus?“ … Erschreckend weit, meine Zunge ist riesig, wie ich sehe.
„Greif die Wörter! Du neigst dazu, Silben zu verschlucken.“
Verdammt das weiß ich schon lange, hatte aber nie eine Ahnung, wie ich dagegen vorgehen kann.

Also sprach ich erst langsamer. Dann las ich wieder Bücher. Mein Wortschatz duplizierte sich.
„Hast du am Wochenende aufm Duden gesessen?“, fragt meine Freundin V.
„Nein, mir gelingt es neuerdings, meiner Worte Herr zu sein. Spreche ich dir zu langsam? Bin ich nicht authentisch?“
„Machst du Witze?“

In der nächsten Unterrichtsstunde verlangt Frau E von mir, zwei Seiten meines Buches mit entspannter Zunge vorzulesen. Das heißt so viel wie: Sie hängt fast komplett raus!

Natürlich müssen alle Wörter trotzdem klar artikuliert werden, Frau E macht es fehlerfrei vor. Ich hänge bei den Ks und Ss, ärgere mich, weil ich es nicht schaffe.
Frau E sagt: „Du zahlst mir eine Menge Geld, dafür, dass ich dich fordere, bis du mich hasst. Wenn du dich quälst, mache ich meine Aufgaben richtig.“
Hass? „Wophon träumpfzt tu nachfffs?“


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