Puschelplüschwolke

»Wie immer?«, fragte Anja meine Friseurin des Vertrauens.

Wie immer heißt: Spitzen so weit kürzen wie nötig, aber so wenig wie möglich! Ich versuchte nämlich, meine Haare bis zum Arsch wachsen zu lassen - und das seit etwa zwanzig Jahren. Die längste Strähne ging bisher bestenfalls bis zum Bauchnabel - danach splissten sie so fröhlich vor sich hin, dass sie nicht mehr länger wurden - und sahen an den Enden scheiße aus!

Während ich jüngst im Zug von Tottenham nach Stansted Airport saß und mit meinen gespaltenen Spitzen spielte, fiel der Entschluss: Etwas musste sich ändern!


Es ging mir bei alledem übrigens mal nicht um die weibliche Emanzipation!
Das Haar der Frau gilt gemeinhin als sekundäres Geschlechtsmerkmal. In weiten Kreisen dieser Erde haben sie es zu bedecken, in noch weiteren bestimmt der Mann einfach so über das Haar seines Weibes. Wie sonst erklärt es sich, dass sogar in unseren Breitengraden Friseure angehalten sind, ihre Kundin bei einem Raspelkurzvorhaben zu fragen, was denn der werte Gatte dazu sage. Schließlich sei es schon oft genug vorgekommen, dass ein aufgebrachter Ehemann am nächsten Tag das Geschäft aufsuchte und einen riesen Terz veranstalte.

Seit meiner Einschulung habe ich niemals wirklich einen Kurzhaarschnitt gehabt. Immer konnte ich die Pracht wenigstens zu einem Zopf zusammenbinden. Je älter ich wurde, desto dunkler (meistens half ich nach) und lockiger (von allein) wurde es. Viele neideten mir die volle schwarzbraune Mähne. Ich liebte es, mein Haar zu bürsten, ihm pflegliche Produkte und Kinkerlitzchen zu kaufen. Zwei bis drei Mal die Woche wusch und föhnte ich es - eine Prozedur, die mindestens eine Stunde in Anspruch nahm. Je länger es wurde, desto schwerer wogen die Locken. Beim Schreiben störten sie, wuselten schließlich überall hin bei leichtem Wind, fielen ins Gesicht - also zähmte ich sie durch etliche Bänder und Spangen - die Matte wog noch schwerer.
Und irgendwann splissten die Spitzen schließlich so sehr, dass sie ganz dünn und blond aussahen, dazu kräuselten sie sich, wirkten ungepflegt. Ich musste also erneut zum Schneiden zu Anja:

Soweit kürzen wie nötig, aber so wenig wie möglich!

Um wieder warten zu müssen, hoffen zu müssen, ob sie denn eines Tages bis zum Hintern gingen. Doch das würde nicht passieren. Und war meine Eitelkeit denn so groß, der Neid der anderen mir denn so teuer, all die Umstände denn nicht widrig genug, meine Zeit denn nicht kostbarer?

Deswegen kam der Tag, an dem ich schlussfolgerte, dass mein Haar niemals die (utopische) Länge erreichen würde, die ich mir wünschte und meine Geduld nicht ausreichte, ich den Preis nicht länger zahlen wollte. Dieser Tag war gestern.

Also antwortete ich Anja heute: »Nein, schneid ab!«
»Janz ab?«
»Ja!«
Sie umfasste meinen Zopf, zückte die große Schere. »Sicher?«
»Ja!«
Schnapp!
Mein Kopf war plötzlich so leicht. Anja nahm sich die kleine Schere, ihren Kamm und Hocker und ließ sich nieder, um meinen Schädel innerhalb von zwanzig Minuten in ein kurzes wuscheliges Löckchengewühl zu verwandeln.
Ich krähte begeistert: »Und ich will nen Pony! Nen puschligen!«
»Wie, nen puschlijen?«
»Na keine halben Sachen heute!«
»Dit hab ik jemerkt! Also nen Vollpony!«
»Nen Puschelvollpony!«
Ratsch! Ratsch!
»Jut so?«
»Jupp!«
Sie drückte mir den Föhn in die Hand. Ich zog ihn einmal um meine neue Frisur herum, dann war sie trocken!


Ich erkannte sofort einen der ersten Vorteile dieser kurzen Locken:

 

Ich werde SOVIEL mehr Zeit zum Schreiben haben!!


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