Fliegenfalle als Finderlohn (von 2010)

Als Dank, ihm beim Finden des gewünschten Muttertagsgeschenks geholfen zu haben (eine englische Geranie) bekam ich eine Babyvenusfliegenfalle. Die standen fast neben den Geranien und sahen so putzig aus.
»Sowas findest auch nur du putzig!«, stelle der Kapitalist schief grinsend fest. Zur Kasse tragen, durfte ich sie selber. Wohlbemerkt war es wahrscheinlich ein vielsagendes Bild von uns beiden. Er mit dem 60 cm hohem und buschigem Gewächs mit dicken rosa Blüten für seine Mutter und ich daneben mit dem kleinsten Blumentopf der Welt, darin ein giftgrünes Pflänzchen mit spitzen Zähnen. Er erklärte mir, dass ich auch richtige Blumen zum Muttertag bekomme, wenn ich eine bin. Dabei wäre ich wirklich keine gute Mutter.

Zuhaue stellte ich mir mein neues Haustier ans Küchenfenster, sammelte Regenwasser für sie und wartete, dass sie sich bald eine Fliege oder Mücke fing. Bedauernswerterweise für die Venusfliegenfalle wohne ich im 18. Stock, was ich natürlich toll fand, doch dorthin verirrte sich nur selten ein Insekt. Erschwerend hinzu kam, dass ich Fliegennetze angebracht hatte, um auch nachts in Ruhe lüften zu können. Dass mein Hirn dies beim Aufnehmen der Venusfalle nicht beachtet hatte, ist ganz allein seine Schuld.
Vor 2 Tagen entdeckte ich einen dicken Käfer auf meinem Balkon, der während der anhaltenden Regenperiode wohl Schutz dort gesucht hatte und elendig verhungert war. Mein Hirn hatte den tollen Einfall (wohl als Wiedergutmachung) das tote Etwas aufzulesen, sobald es nicht mehr regnete und der Kapitalist nicht guckte. Die Chance ergab sich, als er mal wieder seiner ehelichen Pflicht nachgekommen war und seelig im dazu passenden ehelichen Lager schlummerte.
Ich holte das Käfergetier also in die Küche und stellte dort fest, dass er sich noch bewegte. Schweren Herzens ließ ich ein Pflaumenmusglas auf ihn fallen. Dreimal. Dann konnte ich sichergehen, dass er tot war. Ich legte ihn neben den Babyblumentopf und stellte wiederum fest, dass er sogar größer war als dieser. Zu groß für die Babyfliegenfallenmünderchen. Und es war eine Sie. Eine Art Hummel oder so. Ich fing an sie zu sezieren und begann mit den Beinen. Die warf ich der Fliegenfalle in die Mäulchen, doch sie schlossen sich nicht. War sie vielleicht schon verhungert? Ich versuchte es mit dem Kopf, da schnappte sie gleich zu. Genau so beim Oberkörper. Den Torso und die Flügel nahm sie dann aber auch nur streikend auf. Ich stopfte sie ihr einfach in den Schlund und trat mit einem Zahnstocher nach. Auch wenn sie nicht zubiss, die konnte sie eben später essen. Ich wäre wohl wirklich keine gute Mutter...

»Du fütterst nicht gerade deine Venusfliegenfalle!?«, rief perplex der Kapitalist von der Küchentür aus.
»Beine mag sie nicht!«, antworte ich. Was antwortet man da sonst? Er drehte sich schweigend um und ging duschen. Ich stellte das Babygewächs wieder an seinen Platz und spürte dessen böse-bohrenden Blicke im Rücken als ich hinaus ging. Hätte es Augen gehabt hätten diese Funken gesprüht. Ich wäre wirklich keine gute Mutter!


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