Familiensache

Wahrscheinlich war das einzig wirklich positive Ereignis 1933 die Geburt meines Opas! Infolgedessen sah er sich am vergangenen Wochenende befähigt, seine reichhaltige Sippschaft um sich zu scharen und huldvolle Glückwünsche zu erhalten.
Auch meine Wenigkeit wurde eingeflogen und sah sich einer ganzen Reihe wiedererkennenswerter Gesichter gegenüberstehen, die mich mehrfach mit meiner großen, gebildeten, strebsamen, fröhlichen, schlanken, hübschen, brünetten, grünäugigen Cousine verwechselten, welche ebenfalls anwesend war, mir aber abgesehen von alledem kaum ähnlich!
Des Weiteren wurde ich an diesem Tag so oft herzlich umarmt, dass ich mit ziemlicher Sicherheit behaupten darf: Ja, es macht süchtig! Vor allem meine Oma griff immer wieder gerne auf dieses Mittel zurück, mich an sie zu binden. (War das schön!)
Belustigt sah ich den Leutchen dabei zu, wie sie herumhüpften, gar anrüchige Witze zum Besten gaben und stets erstaunt feststellten: »Ach, du bist die Autorin!«


Mein Vater, welcher Opas Sohn ist, hatte einige Fotos zu einer Diashow zusammengeschnitten, die Lebenshöhepunkte aufzeigten und mit schwungvollem Swing hinterlegt. Ich sah zum ersten Mal Kinderfotos von meinem Großvater und ihn als Anfang Zwanzigjährigen in Badehose. Ha, daher also kam meine Vorliebe für schöne, riesige, schlanke Männer mit Schultern so breit wie der Horizont! Ich bin bloß ein Opfer meiner Erbanlagen!!
Auf dem nächsten Bild erblickten wir dann meine kess lächelnde, achtzehnjährige Oma in Shorts am Strand und alle so: »Uuuuuuuh!«
Die Diaschau fanden wir so schau, dass sie gleich nochmal lief und Opa zu dem Badehosenfoto sagte: »Meinen Gesichtsausdruck nach, war mir da kalt!«
Und als wieder die kesse Lolita folgte, rief er: »Da nicht mehr!«

»Wie lange haben wir uns nicht gesehen?«, fragte mich mein großer, schlanker, breitschultriger Cousin.
»Fünfzehn Jahre, vielleicht auch zwanzig?!«, antworte ich grübelnd.
»Ich werde doch gerade gleich zwanzig!«, behauptete er überzeugend.
Ein bisschen Neid schwang mit, als er mir gestand, dass er sein Ding, wie ich meine Schreiberei, bis heute nicht hatte finden können. Oder wie in meinem Fall, es ihn bisher nicht gefunden hatte. Vergnügt und flink wuselten in dem Moment unsere Großeltern an uns vorüber, die schon über ein halbes Jahrhundert länger lebten und nach wie vor glücklich schienen und wir blickten ihnen grinsend nach. Ich konnte ihn beruhigen – offenbar hatte er allein von den Genen her noch viel Zeit, sich finden zu lassen!

Die Nacht verbrachte ich im vollen Heim meines Bruders und lag bis drei Uhr morgens wach. Teils, weil ich die Eindrücke des Tages sortieren musste. Andernteils, da ich an Wochenenden selten vor vier Uhr nach Hause komme. Das rächte sich, als in der Früh eines der Kinder die schwere Schrankwand, die ich vor die Tür gerückt hatte, ignorierte, mit großer, in unserer Familie reichlich vorhandener Dickköpfigkeit beiseiteschob und in mein Bett krabbelte. Ich linste auf die Uhr – Sieben!
»Du biss ja harnäkich«, nuschelte ich, das verstand mein Gast offenbar als eine Aufforderung, loszuplappern. Im Nebel der Fähigkeiten meiner umnachteten Ohren erkannte ich die Stimme meiner Nichte und versuchte den einzigen Babyeinschlaftrick, den ich kannte, (der früher immer bei ihr funktioniert hatte (beide Male!)) aber diesmal natürlich ob ihrer Euphorie kaum glücken konnte. Sie spielte mit meinen Fingernägeln, kletterte mehrfach über mich drüber, fummelte an meinem glitzernden Schmuck rum, fand mein mitgebrachtes Lieblingsbuch langweilig, zwirbelte meine Locken, fragte mich mehrmals, ob ich schlafen würde, ehe sie irgendwann tatsächlich an meine lackierten Zehen gekuschelt eindöste. Der Duft nach frischgebackenen Brötchen weckte uns kurz darauf endgültig.

Als ich in meine geliebte, ruhige Wohnung zurückkam, nahm ich in ihr einen schwächeren Duft nach mir selbst wahr, als sonst. An meiner Haut haftete ein Geruch, der Konzentrat meiner Gene zu sein schien und nun unweigerlich in meine übrige Atmosphäre eindrang.
Aufgrund etlicher Missstände in meinem bisherigen Leben werde ich mich auch künftig nicht als Nonplusultra-Familienmensch bezeichnen, aber ich kann sagen, dass die Begegnungen in den wenigen Stunden mit so vielen Omas, Opas, Onkels, Tanten, Neffen, Cousins und Cousinen, ja mit meiner Geschichte, meinen Wurzeln, unweigerlich Spuren hinterließ. Und brachte eine Saite in meinem Herzen zum klingen, derer ich mir bis gestern gar nicht bewusst gewesen sein konnte. Das klischeehafte Bild einer Familiengeschichte dargestellt als ein Baum, passte nie zu mir. Ich weiß heute, ich bin eher eine Orchidee – pflegeaufwendig, sonnenanbetend und mit Luftwurzeln.

Schließen möchte ich mit dem Refrain der obligatorischen Polonaise zu der ich mich dieses Mal freudig hatte nötigen lassen. Obgleich mein Großvater extra eine kurze Familienhymne zu seinem 80. ersonnen hatte (die wir m.Er. ausreichend schmetterten), gefällt mir dieser Text für die beiden besser:

Jetzt geht es los,
denn heute woll’n wie feiern!
Alle Gäste wer’n es laut beteuern.
So fit mit 80 - Gerd, das ist wunderbar!
Und auch Sieglinde die kriegt 'ne Ehrenrunde
Als Powerfrau in aller Munde
Mit 75! Ihr seid ein tolles Paar!


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