Der Begleiter

Stell dir mal vor, du hättest einen Begleiter, einen Freund. Ihr steht euch sehr nahe, seht euch eigentlich täglich und seine Meinung ist überaus wichtig für dich. Denn er erklärt dir jedes Mal, wenn er dich erblickt, wo deine Fehler sind. Was ist an deinem Körper falsch? Was ist zu dick, zu schwabbelig, zu faltig oder überhaupt komplett verkehrt? Unaufgefordert sagt er dir oft, dass du total scheiße aussiehst. Irgendwo gibt es da eine Sachlage, die du nicht kapierst, die dir wenig liegt und sofort ist der treue Freund zur Stelle, dir darzulegen, dass deine eigene Dummheit daran schuld ist. Dein Unwille zu lernen und deine Faulheit würden deine Unfähigkeit zu Erfolg nur noch verstärken. Du bist müde, aber du darfst gerade nicht schlafen, schließlich wartet so viel Arbeit auf dich. Warum magst du ausgerechnet jetzt spazieren gehen, wenn sich doch der Abwasch türmt? Und willst du dieses Stück Kuchen wirklich aufessen? Weshalb liest du zum hundertsten Mal dein Lieblingsbuch? Was hast du heute überhaupt wieder an? Kein Wunder, dass du dich unwohl fühlst in deiner Haut, immerhin machst du noch nicht genug Sport.
Andere Freunde? Ja, die mögen das vielleicht nicht so sehen. Finden dich ziemlich in Ordnung und unterhaltsam. Sagen, das Oberteil würde dir voll gut stehen und der treue Freund steht daneben, zieht die Augenbraue hoch und wirft ein: »Was, das alte Ding?« Perplex entgegnen sie nichts, verstummen, loben bald gar nicht mehr, solange dieser Kritiker dein Schatten ist. Jedoch ist es auch unmöglich, dich mal alleine zu erwischen. Vielleicht ist einer mutig und fragt dich eines Tages in seinem Beisein: »Warum lässt du dir sowas sagen?« Du zuckst nur mit den Schultern. Es gehört dazu. Du könntest doch wohl kaum so egoistisch sein und ihn aus deinem Leben verbannen. »Wieso nicht?« Ihr hättet euch schon ewig, wäret zusammen durch dick und noch dicker gegangen. »Aber er tut dir schlecht!« Wenn du ihn nicht hättest, dann würdest du deine Balance verlieren. Er sei immer da, dein Selbstbildnis gerade zu rücken. Stell dir vor, am Ende wärest du so ein selbstgerechter und eingebildeter Idiot wie diese Leute ... »Was für Leute? Die Glücklichen?«

Wenn die goldene Regel lautet: "Behandle jeden so, wie du selber behandelt werden willst", dann meint sie auch dich selbst!


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