Vegane Waffeln - Outtakes 9

Pamis Geständnis (Seite 246) musste aus perspektivischen Gründen komplett geändert werden. Hier habt ihr das sehr viel hormongesteuertere Original.

»Kannst du dir das nicht denken?«
»Sicher, er war hübsch. Aber er war auch so ein fieser Unmensch. Ich dachte in der Schule immer, du hasst ihn.«
»Hab ich ja auch. Auch danach noch. Also, nachdem ich im Praktikum gemerkt hatte, dass er nett sein kann, wenn er will.«
Sie hatte damals versucht, mit mir darüber zu reden. Doch ich war mit 16 und frei jeglicher Verliebtheitsgefühle schlicht nicht in der Lage, zu verstehen, was sie durchmachte. Sie hatte diese widersprüchlichen Gefühle mit sich allein ausmachen müssen.

»Ich hatte, als wir abgingen gedacht, es wäre vorbei. Du siehst ihn nicht wieder und dann warst du ja auch mit Til zusammen.«
»Ja ... aber etwa ein halbes Jahr nach der Trennung von Til, traf ich Ronny.«
Ich überschlug kurz, wann das gewesen war.
Wir schreiben das Jahr 2005, die 17-jährige Pami war im zweiten Lahrjahr zur Konditorin und jobbte nebenher als Bäckereifachverkäuferin in einem Backshop des neu eröffneten Eastgates. Um 19 Uhr hatte sie an diesem Tag Feierabend. Für September war es kühl. Auf den Gängen und vor den Toren dieser nagelneuen Shoppingmall waren Masse von Leuten unterwegs. Natürlich, das Eastgate war hip und lockte Menschen aller Schichten an. Schon einige bekannte Gesichter aus ihrer Schul- und sogar Kindergartenzeit hatte sie hier gesehen.
Sie lief zum Ausgang und auf die S-Bahnbrücke, wenn sie sich beeilte, würde sie die S7 um `16 nach erwischen.
»Pami?«, rief auf einmal eine tiefe Stimme, die ihre Nackenhärchen aufstellte.
Noch ehe sie sich umdrehte, wusste sie, wer es war.
»Ron! Was zur Hölle willst du von mir?«
Sie blickte ihn an. Er trug noch immer eine Glatze, nur seine obligatorische Bomberjacke hatte er irgendwo anders abgelegt.
»Können wir redn?«
Pami wich zurück: »Nein, verpisst dich!«
»Warte doch mal. Ich muss dir etwas sagn.«
»Solange du mir nicht sagst, dass du deiner kranken Gesinnung abschwörst und nie wieder Menschen verletzt, haben wir beide nix miteinander zu schaffen.«
Sie lief weiter und er ihr nach und sprach mit ihrem Rücken.
»Doch das habn wir. Ich bin nich blöd, Pamela!«
»Doch das bist du Ronny Strunke. Du bist ein saublödes Nazi-Arschloch.«
»Und warum hast du mich dann gern?«
Nun stoppte sie und funkelte ihn an.
»Ich dich gern? Wovon träumst du nachts, Fascho?«
Er holte sie ein und stand so dicht vor ihr, dass sie ihn riechen konnte. Ein Duft, der sie hätte würgen lassen sollen, der sie aber leider in alberne Wallung geraten ließ.
»Willst du wirklich wissn, wovon ich nachts träume, Pami?«
Sie schluckte. Einer der seltenen Momente, in denen Pamela Crusq sprachlos war.
»Ich hab dich keinen Tag seit unserm Praktikum vergessn ...«
2 Jahre also.
»Und als ich dich heute in der Backstube gesehen habe ...«
»Halt dein dummes Maul, kommt eh nur Scheiße raus!«, schlug sie ihm entgegen und rannte, ungeachtet der entgegenkommenden Menschen, über die Fußgängerbrücke. Sie alle sahen im Augenwinkel nur eine schwarze Frau vor einem kahlen Typen mit Springerstiefeln weglaufen und ließen sie gütlich gewähren. Dann kam die S7, zum Glück eine Minute zu spät, so dass Pami hineinspringen und ihr wild klopfendes Herz wegtragen lassen konnte.

Dummerweise sah sie ihn im Frühling 2006 wieder. Sie hatte ihre Mutter in der Arbeit beim DRK besucht und lief auf die Sella-Hasse-Straße Richtung Bürgerpark Marzahn und Trambahnstation. Da erkannte sie Ronny schon von weitem. Er hockte in der Baugrube zwei Straßen weiter. Sein nackter Oberkörper wurde nur von der knallorangefarbenen Weste verdeckt, er stand vor Sand und frischen Schweiß. Schon in der Schule war er sehr athletisch gewesen. Der 18-Jährige Ronny Strunke war ein verdammtes Muskelpaket. Pami spürte, wie die Lust aus ihrem Schoß emporkroch und ihren ganzen Körper erfüllte, ihre Zunge befeuchtete. Erst als er sie erblickte, als dicke Rohr fallen ließ, dass er bis eben gehoben hatte und sein dummes, hübsches Gesicht zu strahlen begann, erinnerte sie sich. Sie musste ihn hassen. Mit diesen Händen hatte er so viele unschuldige Menschen verprügelt, sie waren nicht dazu geschaffen, ihre zarte Haut zu streicheln. Sie entfernte sich, so schnell sie konnte. Aber offenbar folgte er ihr, denn dank seiner kräftigen Beine holte er sie wenige Straßen weiter ein.
Noch ehe er etwas sagen konnte, zischte sie: »Hau ab!«
»Das werd ich sofort. Aber erst will ich dir etwas gebn.« Entgegen allem, was sie erwartet hätte, reichte er ihr eine Visitenkarte von der Baufirma seines Vaters.
»Wenn du mich je erreichn willst ...«
Er beendete den Satz nicht, sondern machte auf dem Absatz kehrt und ging lässig davon. Pami wollte die Karte zerreißen, in den nächsten Müll schmeißen, sie niemals ansehen, nicht wissen, wo sie ihn treffen könnte, niemals dort hin gehen. Nichts von dem tat sie.
Stattdessen gab sie voller Selbsthass dieser Versuchung nach. Wochenlang.
Und sie wollte so oft Schluss machen. Wenn sie ihn für die NPD Flyer verteilen sah. Als sie ihn vor dem Flüchtlingsheim protestieren sah, dem sie nicht verkaufte Backwaren brachte. Als er sich Made in Germany in Fraktur auf seinen Unterbauch tätowieren ließ.
»Ich bin genauso krank wie du«, warf sie ihm vor, »ich sollte vernünftig sein, dich hassen und in die Wüste schicken, anstatt mich von dir ablecken zu lassen!«
Er sah auf und flüsterte: »Das hier ist heißer als die Wüste!«
Der Hass befeuerte sie. Wie kein anderer verstand er es, sie zu befriedigen und war dabei auffallend zärtlich und ausdauernd. Von keinem bekam sie fulminantere Liebeserklärungen. Niemand vermisste sie schon zwei Stunden, nachdem sie sein Bett verlassen hatte, und teilte es ihr in heimlichen SMS mit, wie sehr. All das verheimlichte sie vor den Menschen in ihrem Leben, auch vor mir. Gerade das musste es für Pami so viel verbotener und heißer machen. Das erfüllte sie so dermaßen, dass sie monatelang ihren Kopf ausschalten, ihr Herz verraten und ihrem Geschlechtsteil folgen konnte. Sie strahlte wie das blühende Leben, grinste grundlos vor sich hin, summte oft und lachte beherzt, wenn man sie fragte, was sie denn so glücklich machte.

Pami atmete durch. Scham befeuerte ihre Tränen. Ich nahm sie in den Arm.
»Hasst du mich jetzt?«
»Nein. Außerdem bist du doch zur Vernunft gekommen.«
»Nicht von selbst. Ich musste erst spüren, dass diese Affäre ein zu gewichtiges Resultat nach sich zieht.« Verhallten lachte ich und Pami fuhr fort: »Da wusste ich, ich muss es dir sagen. Und dass ich es beenden würde. Das gar nichts anderes ging. Dieses Kind hatte es nicht verdient in Doppelmoral aufzuwachsen, wenn es schon in Doppelmoral gezeugt wurde.«
Ich strich über ihr volles, weiches Haar, ihr Rotz kleckerte auf mein Oberteil.
»Und du warst so verständnisvoll ...«, flüsterte sie.
»Naja«, gab ich zurück, »auch ich musste erwachsen werden, als klar war, dass ein Kind unterwegs ist.«


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